Anerkennungsdefizite als Ursache unserer Gewaltgesellschaft - Auswege

Immer öfter werden uns Meldungen von roher Gewalt bekannt, die meist von jugendlichen Gewalttätern verübt werden, denen es erkennbar an Respekt und Anerkennung von Grenzen mangelt, wenn sie zum Teil in angetrunkenem Zustand ihre Mitmenschen anpöbeln, sofern diese es nur gewagt haben sie anzuschauen, oder sich in öffentlichen Verkehrsmitteln das Rauchen, abspielen lauter Musik, oder sonst ungebührlicher Belästigungen anderer Fahrgäste verbeten wollten.
Diese (berechtigten) Einforderungen an sozialverbindliche Standards werden zunehmend zum Anlass völligen Ausrastens genommen, in der Täter mit jeder Gleichgültigkeit selbst schwerste Verletzungen und Tod ihrer Opfer in Kauf nehmen.
siehe: http://magazine.web.de/de/themen/nachrichten/panorama/9899308-Hamburg-Angreifer-stellen-sich-der-Polizei.html

Doch wenn man sich mal die daraufhin einsetzenden öffentlichen Debatten um Strafzumessungen für derartige Verbrechen betrachtet, dann spiegelt sich in ihnen eine Gewalt/Mordslust wieder, die den real verübten Gewalttaten in nichts nachsteht und zudem von auffälliger Ausländerfeindlichkeit begleitet wird.
siehe: http://meinungen.web.de/forum-webde/post/7978835

Dabei ist allein schon an solchen Kommentaren erkennbar, dass Gewalttätig- und Respektlosigkeit kein Alleinstellungsmerkmale von Mitbürgern mit Migrationhintergrund darstellen, wenn all jene nach unnachgiebiger Härte und Sündenböcken rufen, die offensichtlich selbst erhebliche Probleme haben, einen angemessenen Platz innerhalb unserer Gesellschaft zu finden.

- Etwa, weil sie sich selbst nicht anerkannt fühlen?

- Keinen befriedigenden Job ausüben?

- Andere nicht lieben oder respektieren können, weil sie selbst nicht geliebt und respektiert wurden?

- Auf Härte setzen, weil sie selbst unbarmherzig behandelt wurden?


Wird daran nicht deutlich, wie jeder Versuch Härte mit Härte zu begegnen von vornherein zum Scheitern verurteilt ist?
Eben, weil sich die Gewaltbetroffenen immer weiter verhärten und gefühlsmäßig abstumpfen.

Demnach bringt es also nicht wirklich etwas, Gewalttäter nur einfach lange und damit kostenintensiv hinter Schloss und Riegel zu sperren, oder ihnen mit der gewalttätigsten Form von Gewalt, der Todesstrafe zu begegnen.
Sinnlos wie jedes Beispiel von Ländern aufzeigt in denen die Todesstrafe vollzogen wird und dennoch nicht den erwünschten Abschreckungseffekt erzielen.

Genausowenig, wie Verbrecher im Knast zu besseren Menschen resozialisiert werden, wenn sie nur weit genug weggeschlossen und mit anspruchslosen Tätigkeiten beschäftigt werden.
(Zumal hier die Frage erlaubt sei, wie sozial ist denn unsere Gesellschaft, wenn sie z.B. aus Gründen wie Habgier Um- und Zustände duldet, die in erheblichen Ausmaß Mitmenschen sozial ausgrenzen?)
Denn so lange unser Strafsystem weiter darauf abzielt Straftaten mit stupidem Absitzen von Haftstrafen zu ahnden, wird sich an unserer "Gewaltgesellschaft" ganz sicher nichts grundlegend ändern.

Als sinnvollere Alternative schwebt mir ein Strafsystem vor, dass unsere Gesellschaft so lange vor Straftätern beschützt, bis diesen nach einer intensiven Auseinandersetzung mit ihren Opfern und Straftaten auch eine gefühlsmäßige Einsicht ihrer Unrechtstaten attestiert werden konnte.
Diese Idee birgt zwar noch keine 100% Sicherheit, würde aber sehr wahrscheinlich zu einem erheblichen Rückgang von Wiederholungstaten beitragen. Zumal in diesem Rahmen auch dem Aspekt einer angemessnen Opferentschädigung mehr Aufmerksamkeit zukommen würde.

 

Diese Idee kann jedoch nur eine erste Akutmaßnahme darstellen.
Denn das eigentliche Problem unserer Gesellschaft liegt meiner Ansicht nach in der Gleichgültigkeit des gemeinsamen Zusammenlebens, in der die meisten Mitmenschen darauf bedacht sind, es den großen Vorbildern gleichzutun. Nämlich eigene Vorteile zu sichern, um möglichst rasch reich und damit anerkannt zu sein.

Ähnlich wie mir schon meine Mutter mit dem Sinnspruch "Haste was, dann biste was, …" den Sinn unserer ach so sozialen Wertegesellschaft einzuimpfen versuchte.

Es hat indes fast 50 Jahre bedurft, bis ich endlich zu begreifen begann, das genau dieses Bestreben zu immer mehr Rücksichtslosigkeit und explosiven Gewaltausbrüchen führen muss, wenn zunehmend mehr junge Menschen durch unser selektives Bildungssystem ein Bewusstsein dafür vermittelt bekommen, dass sie schon zu den Verlieren zählen, noch bevor sie die Möglichkeit bekommen ihren selbstbestimmten Platz in unserer Gesellschaft zu finden.

. . . . . . . . . an dieser Stelle kann nur betroffenes Schweigen dieser Tragik stehen . . . . . . . . .

Doch ich denke, dass ist mit einer der Hauptgründe, die zu jener frühen Resignation führen, die sich immer häufiger ihr Ventil in verzweifelten Gewaltexplosionen und Amokläufen suchen.

Die Einen, weil sie den Erfolgserwartungen ihrer Familie nicht genügen, während Andere von Anfang an als Versager gefoppt und gemoppt wurden/werden.
Nicht selten von solchen Eltern getrieben, die sich, nach dem Motto, "meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich" eben an ihren eigenen "erfolgreichen" Kindern für ihre unbewussten Anerkennungsdefizite schadlos zu halten versuchen.

Genau A N E R K E N N U N G S D E F I Z I T E, bilden demnach erkennbar das Hauptmerkmal der meisten Gewaltvorkommen.
Dieses Merkmal ist dermaßen in unserem Alltag präsent, dass kaum noch jemand auf die Idee kommt, dieses weiter zu Hinterfragen.

Oder werden wir nicht von früh bis spät mit stakkatoartiger Werbung bombardiert, die uns einzigartige Glückseligkeit verheißt, wenn wir uns nur zu den Schönen und Reichen dieser Welt zählen dürfen, während die näherliegenden Niederungen des normalen Alltags nahezu vollkommen ausgeblendet bleiben?

- Wo ist der Alltag der normalen Familie?
- der schwer Arbeitenden,
- der ins Abseits gedrängten Kranken,
- vereinsamten Alten,
- oder eine bewusste Auseinandersetzung mit unserer aller Sterblichkeit?

Nein, dies bleibt alles ausgeblendet, während aller Fokus in einzigartiger Weise auf vermeintlich gleißende Erfolge gerichtet bleibt.
Eine Scheinwelt, die allein schon aus ökologischen Gründen niemals erstrebenswert sein kann und erkennbar sozial degenerierte und zutiefst missmutige Menschen erzeugt, wenn sie begreifen, dass sie ihren überstrapazierten Idealen nicht mal annähernd zu entsprechen vermögen.
Zu dem unser selektives Bildungswesen ebenfalls einen gewaltigen Anteil trägt, weil es zu keiner Zeit der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen zugedacht war, sondern von Anfang an Erfüllungsaufgaben der Wirtschaft wahrnehmen sollte.
siehe: www.ex-heimkinder.de/Bildungszweck.htm

Diese gilt es zu ändern, um die individuellen Fähigkeiten und Neigungen künftiger Kinder und Jugendlicher so weit zu fördern, um ihnen ein Leben in Zufriedenheit und Selbstgenügsamkeit zu ermöglichen.
Denn ein selbstgenügsamer Mensch wird es kaum mehr nötig haben, ein mangelndes Anerkennungsbedürfnis mit sinnlosen Anhäufungen vermeintlicher Statussymbole zu befriedigen, sondern dürfte vielmehr darum bedacht sein, seine Mitmenschen gemäß dem Motto "geteiltes Glück ist doppeltes Glück", gleichfalls in seine Umwelt der Zufriedenheit einzubeziehen.
Auf diese Weise sollte es zu schaffen sein, dass es niemand mehr nötig hat, andere Menschen ausgrenzend herabzuwürdigen, um sich der Illusion von fragwürdiger Macht und damit Erhöhung des eigenen Egos hinzugeben.

Die Frage ist nur, wie man die Verantwortlichen aus Politik, Sozialwesen und Wirtschaft zu der Erkenntnis bewegt, dass es uns allen besser bekommt, wenn wir unterschiedslos jedem Menschen die Möglichkeit einräumen, seinen/ihren individuellen Weg zur Selbstzufriedenheit zu finden?
Denn spätestens ab diesem Moment wäre vielen Formen der Gewalt, der Resignation, Konsumzwang, religiösem Fanatismus und andere Formen der Kompensation von Minderwertigkeiten der destruktive Nährboden entzogen und würde dazu beitragen viel Geld für sinnvollere Dinge einsparen zu helfen, dass wir gegenwärtig noch in Milliardenhöhe für die Betreuung von Gewalttätern und deren Opfer aufwenden müssen.

Klaus Klüber
Alzenau, den 20. 02. 2010