Sozialpolitischer Offenbarungseid

Aspekte der Verschickungspraxis "erziehungsresistenter" Jugendliche in ferne Länder.

Meine Güte, wie tief muss dieses Land noch sinken, um mit derartigen Meldungen seinen sozialpolitischen Offenbarungseid in Sachen Sozialkompetenz zu leisten?
Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass selbst pädagogisch gebildete Fachleute keinen anderen Ausweg mehr sehen, als in sogenannten erlebnispädagogischen Erfahrungen „erziehungsresistenten“ Jugendlichen tausende Kilometer fernab der Heimat, noch zu sozialverträglichen Menschen zu formen.
Und sich dazu noch eines sozialfeindlichen Umfeldes absoluter Einsamkeit in der Fremde zu bedienen, in der aufgrund vorhandenen Sprachbarrieren über die Bezugsperson hinausreichende soziale Kontakte kaum realisierbar sind, um jugendlichen Heranwachsenden wichtige Sozialkompetenzen zu vermitteln.
Im Gegenteil, wird hier meines Erachtens dem Machtmissbrauch und Willkür der betreuenden Person nicht nur Tor und Tür geöffnet, sondern macht den zweifelhaften Erfolg derartiger Maßnahmen an der Akzeptanz und Sympathie von einzelnen Bezugspersonen abhängig.
Dessen Risiken im Versagensfall einseitig zu Lasten der „betreuten“ Jugendlichen gehen.

Es ist geradezu pervers, wenn selbstvergessene Politikvertreter mit populistischen Forderungen nach Jugendstrafrechtsverschärfungen an das Wahlvolk appellieren, ihnen weiterhin Vertrauen in ihre politische Arbeit zu schenken.
Mit dessen rhetorisch geschulten Verblendungen, sie den Menschen im Lande ihr eigene Inkompetenz als soziale Wohltaten verkaufen.
Denn genau sie sind es doch, die durch ihre lobbygesteuerten Seilschaften erst zu gesellschaftlicher Verelendung beitragen und ihren Opfern noch die daraus entstehenden Auswüchse in die Schuhe schieben.
Denn statt sich den Bedürfnissen der gesellschaftlich bedürftigen Menschen zu widmen, haben sie in den letzten Jahren zum Jubel der Wohlhabenden zum sozialen Kahlschlag angesetzt.
Während diese Politikvertreter demnach für Einkommensmilliardäre und Millionäre den Spitzensteuersatz, den dank zahlreicher Steuerschlupflöcher ohnehin niemand zahlte, erfolgreich von 53 % auf nunmehr 42 % senken konnten, wurden den Bedürftigen dieses Landes gnadenlos die ohnehin schon dürftigen Beihilfen (in Hessen allein 2003/4 1,03 Milliarde Euro) zusammengestrichen
Wie in etwa bei der Obdachlosenhilfe, Schuldnerberatungsstellen, ambulante psychiatrische Dienste, Pro Familia, Wiedereingliederungshilfen für erwerbslose Frauen und Ironie des Schicksals, ebenso für betreute Jugendzentren und Programme für straffällig gewordene Jugendliche.
Gleichzeitig haben Landesväter wie der hessische Ministerpräsident Koch, der sich gegenwärtig so besonders für eine Verschärfung des Jugendstrafrechts ins Zeug legt, keine Skrupel für den Bezug eigener Diensträume Designermöbel in Wert von 8,4 Millionen Euro zu bestellen.
Als dieser Skandal 2003 aufflog, wurde kurzerhand eine neue Ausschreibung vergeben, um Außenstehenden weiteren Einblicke zu verwehren.

Soweit zur fragwürdigen Moral und fachlicher Inkompetenz politischer Selbstdarsteller, die von ebenso fragwürdigen Medienmogulen flankiert, die öffentlichen Meinungen zu ihren Vorteilen manipulieren.
Statt die Menschen weiter für dumm zu verkaufen, möchte ich jeden Leser bitten, an politische und soziale Vertreter die Einführung eines gewaltpräventiven, eigen- und sozialverantwortungsbildenen und vor allen eines elternvorbereitenden Pflichtschulfachs einzufordern.
Denn mit dieser gesellschaftsfördernden Maßnahme kann destruktiven Entwicklungen von jungen Menschen meiner Ansicht nach noch am weitesten entgegengewirkt werden und dürfte künftig zu erheblichen Einsparungen für die Verwaltung auffälliger Jugendlicher, oder in deren weiteren Steigerung, straffälliger Erwachsener beitragen.
Nachfolgende Meldungen hätten dann ebenso keine Chancen mehr, die Menschen für populistische Zwecke zu instrumentalisieren.

Für eventuelle Rückfragen habe ich diesen Artikel auch in meinem Forum zur Diskussion gestellt.

 

Meldung vom 17.1. 2007
Hessischer Schüler schuftet in Sibirien

Hessen schickt Schüler nach Sibirien.

Ein hessisches Jugendamt hat Kochs Wahlkampfforderungen bereits umgesetzt: Ein 16-jähriger Gewalttäter soll neun Monate unter extremen Bedingungen leben. Sogar eine Toilette musste er sich selbst bauen.
Von Christoph Hickmann und Tanjev Schultz

Während der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) weiter für einen härteren Umgang mit jugendlichen Gewalttätern wirbt, wird nun bekannt, welch harte Maßnahmen in seinem Bundesland bereits möglich sind:

Das Jugendamt des Landkreises Gießen hat einen 16-jährigen Schüler nach Sibirien geschickt.
Der zuvor immer wieder als gewalttätig aufgefallene Junge soll dort ein Dreivierteljahr unter extremen Bedingungen leben.
Es handelt sich um eine sogenannte 1:1-Maßnahme, gemeinsam mit einem Betreuer lebt der Junge in Sibirien in einfachsten Verhältnissen.
Einen entsprechenden Bericht des Hessischen Rundfunks bestätigte am Mittwoch Stefan Becker (Freie Wähler), Jugend- und Sozialdezernent des Landkreises Gießen.
Laut Becker hat der Junge kein fließendes Wasser zur Verfügung und musste sich eine behelfsmäßige Toilette selbst bauen. Die Bedingungen entsprächen "etwa dem Stand wie bei uns vor 30 oder 40 Jahren", sagte Becker der Süddeutschen Zeitung.
Es gehe darum, den jungen Gewalttäter einer "möglichst reiz- und konsumarmen Umgebung auszusetzen".
Er und sein Betreuer lebten "in einer dörflichen Struktur" mit etwa 5000 Einwohnern, "etwa 300 Kilometer in der Pampa".
Zuvor hätten mehrere Psychologen diesen Schritt als geeignet für den Jungen eingestuft.

Etwa die Hälfte seiner Zeit in Sibirien sei bereits vorbei. Nach seiner Rückkehr solle er zunächst "langsam wieder an die Reiz- und Konsumwelt gewöhnt" werden.
"Das ist keine Art der Sanktionierung, sondern eine erlebnispädagogische Maßnahme", betonte Becker - auch wenn es sich um die "Ultima Ratio" handele. Es sei aber ein Einzelfall.
Tatsächlich? Werden z.Z. nicht etwa einige hunderte Jugendliche im Ausland im Rahmen ähnlicher Projekte auf ihr zukünftiges selbstverantwortliches Leben vorbereitet?
Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) sind bundesweit etwa 600 Kinder und Jugendliche in "intensivpädagogischen Auslandsmaßnahmen" untergebracht. Die Zahl stammt aus dem Jahr 2006.
Jugendämter entschließen sich zu solchen Maßnahmen auf Basis des Sozialgesetzbuches (VII, §35). Die Auslandsunterbringung, zumal außerhalb der EU, ist jedoch umstritten. Kritiker werfen den Jugendämtern eine "Entsorgungsmentalität" vor. Vor vier Jahren löste der Fall eines 14-Jährigen Debatten aus. Er hatte in Griechenland seinen Betreuer getötet. 2005 war ein 17-Jähriger mehrere Wochen in Kirgisien nicht aufzufinden.
dpa