Warum ist Verzeihen so schwer?...

Durch eine entsprechende Frage innerhalb meines angeschlossenen Forums animiert, in der dieser Gesprächsfaden noch weiter verfolgt werden kann, habe ich für mich die Frage zu beantworten versucht, warum es im Bewusstsein nachgewiesenermaßen unrechtmäßiger Erziehungspraktiken vielen betroffenen ex-Heimkindern noch immer sehr schwer fällt, zu verzeihen, abzuschließen und ein Stück weit ihre "Geschichte" loslassen zu können?
Meine Antwort zu dieser Frage ist zwar sicher nicht allumfassend, noch allgemeingültig aber ich denke schon, dass sie den Kern der Sache getroffen hat.
Hier der Wortlaut:

Warum ist Verzeihen so schwer?...

Ich würde sagen, weil mit dem Eingeständnis von Schuld ein Akt von persönlicher Demut gegenüber einem Geschädigten verbunden ist.
Diese Demut muss zwangsläufig umso schwerer fallen, je höher eine Person oder Institution als Werteträger innerhalb einer sozialen Gemeinschaft anerkannt wird, bzw. selbst ethisch-moralische Leitansprüche erheben.
Bezogen auf die zahlreichen Gewalterfahrungen, Demütigungen und geradezu systematischen Persönlichkeitszersetzungen, wie diese viele Heimkinder besonders in kirchlichen, aber auch in staatlichen Heimeinrichtungen durchlitten, würde ich mit Blick auf kirchliche Trägerschaften das Ausbleiben von Entschuldigungen, mit der engen Verknüpfung von Macht- und Moralansprüchen erklären, in der sich innerhalb vitaler Wirtschaftsinteressen ein Umgang mit Menschenmaterial verfestigt hat, der es den Kirchenoberen heute aufgrund der einst permanenten Missachtung inzwischen weltweit anerkannter Menschenrechte, geradezu unmöglich macht, Fehlverhalten, oder gar eigene Schuld anzuerkennen.
Es ist einfach die konsequente Folge jahrhundertealten Machtmissbrauchs, der zwar in wohlfeilen Sonntagsreden gegenüber anderen Menschen/Staaten und Organisationen angeprangert wird, während die Balken in den eigenen Augen der Kirchenverantwortlichen noch immer den Blick für ihre eigenen Verschuldungen verstellen.
Diese praktizierte Arroganz der Macht, derer sich die Kirchenführungen wie so oft in ihrer unseligen Geschichte, auch gegenwärtig mit Schweigen und Ableugnen von Schuld ihrer Verantwortung zu entziehen versuchen, steht jedoch längst auf verlorenen Posten, denn nicht nur die Menschen in unserem Land durchschauen die Doppelmoral, Verlogenheit und Machtmissbrauch der Institution Kirche immer klarer und tragen diesem Wissen Jahr für Jahr mit abertausenden Kirchenaustritten Rechnung.
Ob die "Opfer" der Institution Kirche und Staat jemals eine angemessene Entschuldigung/Entschädigung erhalten, dürfte nur unter dem voraussetzenden Druck einer umfassenden öffentlichen Aufklärung wahrscheinlicher werden. Und dazu können alle ex-Heimkinder etwas beitragen, indem wir nicht mehr schweigen und uns nicht erneut von jenen den Stempel von Schuld aufdrücken lassen, die sich in Wahrheit schuldig gemacht, unrechtmäßig bereichert und an unzähligen Kindern versündigt haben.

Ob diese Schuld jemals zu entschuldigen ist, mag dahin gestellt bleiben. Ich bin jedenfalls froh, dass dieser beschämende Makel nie mehr ohne ein bleibendes Zeichen von Demut von ihren ohnehin schon schwarzen Westen verschwinden wird.
Die zahlreichen Stimmen von ex-Heimkindern, als überlebende Zeitzeugen werden dazu ein bleibendes Mahnmal setzen, da bin ich mir sehr sicher und wünsche mir dass eines Tages ein Dialog zwischen Opfern, Kirche und Staat möglich wird, um gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie künftigen Kindern ein glücklicher und würdevoller Start in ein verantwortungsbewusstes Leben ermöglicht werden kann. Denn letztlich dürfen wir nicht vergessen, wir können nur etwas im positiven Sinne verändern, wenn alle von einer solchen Notwendigkeit überzeugt sind. Und ich denke mit allem Nachdruck festzustellen, dass die Geschichte der ehemaligen Heimkinder in bedrückender Weise so manch schlimme Schwachstellen innerhalb unser Gesellschaft offenbart haben, womit bereits der einzige positive Aspekt aus dem hunderttausendfachem Leid von Heimkindern erfasst sein dürfte.