Ist unser Weihnachtsfest noch zeitgemäß?

Bislang zählte der Brauch, anderen Menschen frohe Weihnachten zu wünschen zu den sogenannten guten Umgangsformen. Ähnlich wie man seinen Mitmenschen guten Morgen oder im Krankheitsfall gute Besserung wünscht.

Auch ich hielt diese Praxis gemäß meiner "guten Erziehung" für ein Gebot der Höflichkeit.
Doch ist dieser Brauch heute wirklich noch zeitgemäß?
Nicht dass ich jemanden den Wunsch oder Ausübung eines freudespendenden Brauches absprechen möchte.
Im Gegenteil: Ich erachte Brauchtümer durchaus als wichtig und bereichernd, wenn sie zu einer nachhaltigen sozialen Verbundenheit beitragen.
Doch kann man das Weihnachtsfest wirklich noch als sozialverbindende Bereicherung definieren?
Ich denke eher nicht mehr wie die folgende Betrachtung aufzeigen dürfte.
Denn das Weihnachtsfest in seiner derzeitigen Form, hat doch nach christlicher Lesart schon lange nahezu jeden Bezug zu einem ehrenden Gedenkfest anlässlich der irdischen Geburt des Sohnes Gottes verloren. Oder etwa nicht?
Hier stellt sich ohnehin die generelle Frage warum man der Geburt Jesu Christi gedenken will, wenn weder Kirche, noch Staat bereit sind, im konkreten Alltag nach christlichen Tugenden zu handeln.
Ich denke hier reicht nur ein einziger Hinweis, um die schier unüberbrückbare Kluft zwischen propagierten Anspruch und realen Gegebenheiten aufzuzeigen, wenn ich Jesu Forderung "seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst" als Maßstab allen sichtbaren Handelns anlege.

Umso mehr empfinde ich Weihnachten als ein durch und durch pervertiertes Fest, in der sich grotesk anmutend die meisten unserer Mitmenschen bemüßigt fühlen, an diesen Tagen ihre Umwelt mit betonter Harmonie zu beglücken, als gelte es an den Weihnachtstagen nachzuholen, was über das ganze Jahr hinweg an Freundlichkeiten, Entgegenkommen und Verständnis versäumt wurde.
In diesem Sinne darf sicher auch das zu Weihnachten steil ansteigende Spendenaufkommen, ähnlich wie eine weiße Weihnacht als verklärender Zuckerguss von Reinheit, der alles sichtbar Schlechte überdecken soll, als selbstgerechter Balsam für das eigene Seelenheil betrachtet werden, wenn in einem melancholischen Anflug besonders gern unbekannten Kindern Sach- und Geldspenden zugedacht werden. Geradeso als gäbe es in den anderen 11 Monaten des Jahres innerhalb unseres Lebensumfeldes keinen Hilfsbedarf gegenüber notleidenden Menschen.
Geht uns im Grunde genommen ja auch gar nichts an, da wir schon mit uns selbst genug zu tun haben und notleidende Kinder im Bedarfsfall halt in staatlicher Obhut genügend Hilfe finden. Ansonsten sind wir doch froh, wenn Obdachlose zunehmend aus Stadtzentren verbannt werden, wo sie womöglich noch bettelnd den harmonischen Eindruck unserer heilen Glitzerwelt beeinträchtigen könnten. Oder schlimmer noch, uns daran erinnern könnten im zunehmenden Verdrängungswettbewerb schon bald selbst zur gesellschaftlichen Verlierergruppe zu gehören, die sich täglich an einer der über 800 Ausgabestellen für Armenspeisungen anstellen dürfen. Da können noch so viele Parteipolitiker egal ob mit oder ohne hohen C im Parteikürzel, staatstragende Weihnachtsansprachen halten, um wohlmeinende Appelle christlicher Demut und soziale Einheit an die Menschen zu richten.
Es bleiben stets die gleichen leeren Worthülsen.
Denn wer wenn nicht sie könnten, ein wenig guten Willen vorausgesetzt, geeignete Rahmenbedingungen für ein harmonischeres Miteinander schaffen?
Das Gegenteil ist der Fall. Gefördert werden nicht etwa gesellschafts- oder familienfreundliche Inhalte, sondern wie erst kürzlich wieder eindeutig durch die Bankenkrise ersichtlich wurde, ausschließlich Ziele die der Wirtschaft und einer kleinen Millionärselite zu noch mehr Wachstum und Profiten verhelfen.
In dessen Getrieben immer mehr Menschen soweit zerschlissen werden, um im gemeinsamen Takt einer verführerischen Werbeindustrie kaum noch Zeit für sich selbst, Familie oder vorhandenen Kindern zu finden.
Entsprechend erleben wir gegenwärtig eine Tendenz einer immer schneller um sich greifenden Zersplitterung familiärer Einheit. In der Kinder massenhaft in Stätten sogenannter Ganztagsbetreuungen/Schulen zwischengeparkt und Abends wieder zu ihren ausgepowerten Eltern vor die Glotze entlassen werden.
Das unter dem Mangel einer liebevollen familiären Atmosphäre nicht nur die Emotionsfähigkeiten auf der Strecke bleibt, dürfte nicht nur am Massenphänomen behandlungsbedürftiger ADS-Kinder erkennbar sein, sondern gleichfalls an der Leichtigkeit, mit der Kinder heutzutage ihre hinfälligeren Eltern/Großeltern in seelenlose Alteneinrichtungen entsorgen. in der sich persönliche Hinwendung kaum mehr als an minutiös abgerechneten Dienstleistungsnachweisen ablesen lässt.

Ehrlich gesagt schwant mir nichts Gutes wenn ich daran denke, welche Generationen da heranwachsen, die Respekt nur noch als berechneten Preis des Augenblicks benutzen.
Hier hätten politische Führungskräfte längst mit sozialfestigenden Konzepten gegensteuern können. Doch ist ihnen das eigene Hemd augenscheinlich wichtiger als christliche Tugenden, die sie an festlichen Tagen öffentlich mit aufgesetzter Hingabe beschwören.

Warum also an einem sinnentleerten Brauch festhalten der nachgewiesenermaßen, unglückliche Menschen hervorbringt. Sei es an übersteigerten Harmonieerwartungen die kaum jemand zu erfüllen vermag. Einsamen Menschen die im Glauben andere Menschen befänden sich auf einer Welle warmer Harmonie noch tiefer in sich zusammensinken. Oder sinnlos gestressten Hausfrauen, auf denen die meisten Lasten im Besorgen und Bedienen der Feierrituale ruhen und letzten Endes gerade zur Weihnachtszeit die meisten Ehekrisen und Depressionen hervorrufen.

Und mal ehrlich gesagt, können wir uns, so übersättigt wir vielfach mit materiellen Gütern ausgestattet sind überhaupt noch richtig über Geschenke freuen, wenn diese kollektiv voneinander erwartet werden und damit Teils zu erheblichen Verschuldungstendenzen beitragen?
Nein, wir tun es nicht wirklich, weil Geschenke erst mit dem überraschenden Moment des Nichterwartens ihren bezaubernden Reiz der Freude entfalten und die Schenkenden im Sinne "geteilter Freude ist doppelte Freude", gleichfalls großen Anteil an einer gelungenen Überraschung haben.
Wenn das Weihnachtsfest demnach nahezu jeden christlich geprägten oder sozialverbindenden Bezug in unserem Alltag verloren hat, dann erachte ich es als zutiefst heuchlerisch, mit eigenen Weihnachtsgrüßen ein Brauchtum zu unterstützen, mit dem immer mehr Menschen finanziell und emotional negativ belastet werden.

Lieber möchte ich an allen Tagen darum bemüht sein meinen Mitmenschen friedsam und allem Respekt zu begegnen, den jeder gern auch für sich selbst in Anspruch nehmen würde.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesenden jeden Tag die Leichtigkeit des Seins, um die vielen kleinen Lebensfreuden zu erkennen und danach zu suchen, wie wir unsere eigene Umwelt ein klein wenig positiv mitgestalten können.